„ Der männliche Körper im Leben und Werk von Michelangelo“
Der männliche Körper
Erstmals rücken Ausstellung und Katalog die zentrale Rolle des männlichen Körpers in Michelangelos Leben und Werk in den Mittelpunkt – eine thematische Fokussierung, die in dieser Konsequenz bislang nicht realisiert wurde. Ziel ist es, Michelangelos Œuvre unter dem Leitmotiv des männlichen Körpers neu zu interpretieren. Kaum andere Darstellungen des männlichen Körpers sind so nachhaltig im kollektiven Bildgedächtnis verankert wie Michelangelos David oder die Erschaffung Adams.
Der Katalog versammelt Beiträge renommierter Autor:innen, die Michelangelos Umgang mit dem männlichen Körper aus unterschiedlichen Perspektiven analysieren, mit einem deutlichen Schwerpunkt auf der Zeichnung als zentralem Medium seines künstlerischen Denkens. Behandelt werden die Bedeutung männlicher Modelle, antike Vorbilder sowie das soziale und politische Umfeld der Werkentstehung – von Auftraggebern und künstlerischer Konkurrenz bis hin zu den politischen Umbrüchen im republikanischen Florenz.
Männer spielten sowohl in Michelangelos Kunst als auch in seinem persönlichen Leben eine zentrale Rolle. Der männliche Körper erscheint als durchgängiges Leitmotiv, das sich von den frühen Zeichnungen bis zu den Fresken der Sixtinischen Kapelle verfolgen lässt. Michelangelos nachweisliche Hinwendung zu jungen Männern steht dabei nur scheinbar im Widerspruch zu seiner tiefen Religiosität. Als zentraler Deutungsansatz für die Darstellung des männlichen Körpers erweist sich vielmehr die Einbettung in Michelangelos neuplatonische Vorstellungen, nach denen der männliche Körper als Ideal von Schönheit und Vollkommenheit verstanden wird. Die in seinen zahlreichen Sonetten enthaltenen Hinweise auf die Liebe zu Männern wurden nach seinem Tod getilgt und über lange Zeit hinweg verschwiegen.
Neue Fragestellungen
Die konsequente Fokussierung auf den männlichen Körper in Werk und Leben Michelangelos eröffnet neue Fragestellungen:
– Wie gestaltet sich das Verhältnis zwischen Michelangelos Homosexualität und seinen Körperdarstellungen? Inwieweit lassen sich persönliche sexuelle Dispositionen in den Bildern erkennen, und in welchem Maße wird sexuelle Orientierung überhaupt thematisiert?
– Der Leser wird konfrontiert mit der Tatsache, dass heutige Vorstellungen von Homosexualität als partnerschaftlicher Beziehung auf Augenhöhe in der Zeit Michelangelos kaum existierten.
Die im Katalog thematisierte Liebe älterer Männer zu jüngeren Männern war im Florenz der Renaissance gesellschaftlich ambivalent: offiziell sanktioniert, faktisch jedoch verbreitet. Aus heutiger Sicht sind solche Beziehungen unmissverständlich inakzeptabel.
– Warum stellt Michelangelo überwiegend muskulöse und idealisierte Männerkörper Michelangelos dar und zeigt gerade keine jugendlichen, schlanken Figuren? Dies verweist darauf, dass die Darstellung der männlichen Körper weniger biografisch zu deuten ist, sondern vielmehr im Sinne eines neuplatonischen Ideals göttlicher Schönheit und Vollkommenheit verstanden werden muss.
– Die geringe Zahl weiblicher Darstellungen und die häufig männlich geprägte Körperlichkeit dieser Figuren werfen die Frage auf, welche Stellung der Frau in Michelangelos Bildwelt zukommt. Handelt es sich um eine Abwertung der Frau, oder verweist diese Körperauffassung vielmehr darauf, dass eine eindeutige geschlechtliche Zuordnung – im Sinne einer strikten Trennung von männlich und weiblich – für Michelangelo von nachgeordneter Bedeutung war?
– Wie gelingt es Michelangelo, die intensive Darstellung nackter Körper – die trotz des Wiederauflebens der Antike bereits zu seiner Zeit in Konflikt mit der christlichen Kirche geriet, wie etwa die nach seinem Tod vorgenommenen Übermalungen in der Sixtinischen Kapelle zeigen – mit seiner tiefen Religiosität in Einklang zu bringen?
Zielgruppe:
Die Publikation wendet sich in erster Linie an ein Fachpublikum sowie an kunsthistorisch interessierte Leser:innen; eine gewisse Vorbildung ist dabei von Vorteil, da die Beiträge stellenweise sehr ausführlich und detailreich ausgearbeitet sind.
Der Katalog richtet sich an Leser:innen, die über eine rein formale Kunstbetrachtung hinaus Michelangelos Werk im Kontext seines sozialen Umfelds erschließen möchten. Die versammelten Beiträge eröffnen hierzu eine Fülle aufschlussreicher Einblicke in die sozialen, politischen und institutionellen Bedingungen, unter denen die Kunstwerke entstanden sind.
Letztlich eignet sich die Veröffentlichung für Leser:innen, die sich vertieft mit der historischen Darstellung des männlichen Körpers auseinandersetzen möchten. Vorstellungen von Geschlecht und gleichgeschlechtlicher Orientierung, die sich grundlegend von heutigen Konzepten unterscheiden, werden dabei überwiegend aus kunsthistorischer Perspektive analysiert.
Den Schwerpunkt der Ausstellung mit ihren 62 Werken bilden die äußerst selten öffentlich gezeigten, hochgradig lichtempfindlichen Zeichnungen Michelangelos. Der Katalog erweitert dieses visuelle Erlebnis mit seinen 166 hochwertigen Abbildungen in hervorragender Weise, und ermöglicht so einen vertieften Einblick in Michelangelos künstlerischen Arbeitsprozess von der Zeichnung über die Skulptur bis hin zur Malerei.
Abschließend erweist sich der Katalog als ebenso spannende wie anregende Lektüre, die neue Perspektiven auf Michelangelos Werk eröffnet und uneingeschränkt empfohlen werden kann.
Henry Warncke, Männerforum Niedersachsen
Quelle:
Michelangelo and Men. Der männliche Körper im Leben und Werk von Michelangelo
Von Klazina Botke
288 Seiten, 59€
ISBN: 978-3-7630-2929-7
Herausgeber: Belser Verlag
www.kosmos.de
weitere Ausgabe:
„Michelangelo and Men – The Male Body in the Life and Work of Michelangelo“
von Klazina Botke, Terry Van Druten, Martin Gayford
288 Seiten, 49€
ISBN (englische Ausgabe): 978-94-6494-197-5
Herausgeber: Hannibal Books